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Ein wunderbarer Briefroman

Mit Lieber Feind in dieser wunderschönen Ausstattung vom Königskinder Verlag versetzen wir uns zurück in die USA um 1915 und lesen die Briefe von Sallie McBride, die von ihrer besten Freundin Judy gebeten wird, ein Waisenhaus zu leiten. Nicht irgendein Waisenhaus, sondern das Haus, in dem Judy selbst aufgewachsen ist und das ihr inzwischen Dank ihrem Mann gehört. 

Sallie wehrt sich zunächst, nimmt die Herausforderung aber schließlich an und findet letztlich Gefallen an ihrer Rolle. Das Besondere an diesem Buch ist auch, dass man nur die Briefe von Sallie liest und die Antworten der Briefpartner nur erahnen kann. Dies ist zunächst ungewohnt, allerdings macht es de Geschichte nicht weniger verständlich. Man merkt, dass Jean Webster in diesem Briefroman ihre Einstellung zur Kindererziehung kundtun wollte (die nebenbei bemerkt eine sehr moderne ist) und andererseits, dass sie Jane Eyre von Charlotte Brontë gelesen hat, weil sich im Text einige Motive davon wiederfinden.

Insgesamt finde ich, dass der Autorin ein sehr runder Briefroman gelungen ist, der sich gut lesen lässt (auch wenn ich empfehlen würde, den Vorgänger Lieber Daddy-Long-Legs zuerst zu lesen, da ansonsten doch einiges an Kontext fehlt) und sprachlich nicht zu anspruchsvoll für die Zielgruppe ab 14 ist. Einige Ansichten über Vererbungslehre lässt uns in der heutigen Zeit zwar unangenehm aufhorchen, aber der Kommentar des Verlags am Anfang des Buches kann auch hier einiges entschärfen und man sollte abstrahieren, dass die Ansichten den zeitgenössischen Theorien um 1900 geschuldet sind. 

Ich empfehle das Buch gerne weiter und musste auch das ein oder andere Mal über die Verwicklungen lachen, in die Sallie durch ihre Schützlinge gebracht wurde und mochte den Ton der Erzählung sehr gerne. 

Um es mit Sallies Worten zu sagen: "Ich bin nicht bloß hierhergekommen, um Dich zu ärgern. Ich wollte auch einmal ein Abenteuer erleben, und oh je! Es ist tatsächlich eins!" (S. 27)

Zum Buch: Lieber Feind 

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