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Ein berührendes Mosaik

Thematisch hat mich dieses Buch von Anfang an sehr gereizt. Präsident Lincoln verliert seinen geliebten Sohn Willie und nimmt von ihm nachts auf dem Friedhof allein Abschied. Zunächst einmal nicht ungewöhnlich, die Umsetzung ist es allerdings umso mehr. Denn dies ist kein klassischer Roman, sondern erinnert in seiner Machart eher an Brechts episches Theater. 

Einerseits erzählt er den Hergang der äußeren historischen Ereignisse durch Zeitzeugenzitate oder kleine Absätze aus der Sekundärliteratur. Das macht die Geschichte in ihrer Historizität sehr glaubhaft und ist in ihrer Kunstfertigkeit ein Meisterstück des Autors, der die Zitate teilweise in einem feinsinnigen Humor zusammenstellt und z. B. die Beschreibung des Charakters von Präsident Lincoln ad absurdum führt. 

Der zweite Erzählstrang des Romans ist die Beschreibung des Bardo. Hier berichten die Geister, die hier leben, in einem vielstimmigen Erzählstil nicht nur von den Hergängen rund um Willie Lincoln, sondern der Leser erfährt auch nach und nach die eigene Geschichte der Figuren. Nichts wird beschönigt, nichts anders dargestellt. Die Figuren verharren in der Gestalt ihres Todes oder haben seltsame Extremitäten ausgebildet. Aber das wichtigste: sie begreifen nicht, dass sie tot sind, sondern halten sich für Kranke, die in ihren "Krankenkisten" ausharren, bis sie wieder am Leben teilnehmen dürfen. 

Die Geister finden keine Ruhe und beschäftigen sich zu sehr mit dem Leben. Bis Präsident Lincoln auf den Friedhof kommt und die große Liebe zu seinem Sohn nicht nur bei Willies Geist etwas bewirkt, sondern auch bei allen übrigen. 

Ein sehr empfehlenswerter Roman, der von Vergänglichkeit, Liebe und dem Kampf um das eigene Dasein erzählt und dabei in seiner mosaikhaften Zusammensetzung berührt und nachdenklich macht, denn:

"Alle Geschenke sind vorübergehend. Ich gebe dieses nur unwillig zurück." (S. 316)

 

Zum Buch: Lincoln im Bardo

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